Die Debatte um Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche nimmt gerade wieder Fahrt auf. In Australien gibt es seit Dezember 2025 ein landesweites Mindestalter für die Social-Media, und auch in Deutschland fordern Politiker wie z. B. Daniel Günther bei Markus Lanz strengere Regeln. Die Argumente sind bekannt: Schutz vor Sucht, vor Manipulation, vor toxischen Inhalten. Alles valide Punkte. Aber während wir über Verbote sprechen, übersehen wir eine entscheidende Frage: Was bieten wir Kindern und Jugendlichen eigentlich als Alternative an?

Offline-Angebote: Der Kampf um jeden Quadratmeter

Wer glaubt, dass Kinder und Jugendliche offline in einem Paradies aus Spielplätzen, Jugendzentren und Sportflächen leben, sollte einmal genauer hinschauen. In vielen Städten müssen junge Menschen um jeden Ort kämpfen, an dem sie sich frei bewegen können.

Ein Beispiel aus meiner eigenen Heimatstadt zeigt das Problem in aller Deutlichkeit: Als die alte Skaterbahn wegen Lärmbeschwerden geschlossen wurde, begann eine jahrelange Odyssee. Fünf Jahre lang suchte man nach einem neuen Standort. Fünf Jahre voller Prüfungen, Einwände, Bürgerinitiativen, Lärmgutachten und politischer Schleifen.

Und das ist kein Einzelfall. Ob Bolzplatz, Jugendtreff oder BMX-Strecke: Sobald Jugendliche irgendwo sichtbar werden, regt sich Widerstand. Zu laut, zu wild, zu viele. Die Botschaft ist klar: „Wir wollen euch schützen – aber bitte nicht in unserer Nähe.“

Verbote ohne Alternativen sind keine Lösung

Vor diesem Hintergrund wirkt die Forderung nach Social-Media-Verboten fast zynisch. Wenn wir Kindern und Jugendlichen digitale Räume wegnehmen wollen, müssen wir ihnen analoge Räume geben. Räume, die nicht erst nach fünf Jahren Planung entstehen. Räume, die nicht sofort wieder verschwinden, sobald jemand sich gestört fühlt.

Denn Social-Media ist für viele junge Menschen nicht nur Unterhaltung. Es ist Treffpunkt, Bühne, Kommunikationsmittel, Identitätsraum. Wer das verbieten will, muss etwas anbieten, das mindestens genauso attraktiv ist.

Medienkompetenz statt Moraldebatten

Hinzu kommt: Ein Verbot löst das Grundproblem nicht. Kinder und Jugendliche wachsen in einer digitalen Welt auf. Sie werden Social-Media nutzen – früher oder später. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie lange können wir das verhindern?“ Sondern: „Wie gut bereiten wir sie darauf vor?“

Medienkompetenz ist kein Nice-to-have, sondern eine Grundvoraussetzung für Selbstbestimmung im 21. Jahrhundert. Dazu gehört:

  • zu verstehen, wie Algorithmen funktionieren
  • Manipulation zu erkennen
  • mit digitalen Risiken umzugehen
  • die eigene Zeit und Aufmerksamkeit bewusst zu steuern
  • digitale Räume kritisch, aber souverän zu nutzen

Diese Fähigkeiten entstehen nicht durch Verbote, sondern durch Bildung, Begleitung und echte Auseinandersetzung.

Bevor wir verbieten, sollten wir ermöglichen

Die Debatte über Social-Media-Verbote ist verständlich, aber sie greift zu kurz. Sie lenkt davon ab, dass wir als Gesellschaft seit Jahren versäumen, jungen Menschen attraktive, zugängliche und verlässliche Angebote zu machen – offline wie online.

Vielleicht sollten wir zuerst:

  • Jugendräume schaffen, statt sie zu schließen
  • Sport- und Freizeitflächen fördern, statt sie zu blockieren
  • Medienkompetenz stärken, statt moralisch zu belehren
  • Jugendliche beteiligen, statt über sie zu entscheiden

Erst wenn wir das getan haben, können wir ernsthaft über Verbote sprechen. Alles andere ist Symbolpolitik – und die trifft am Ende genau die, die ohnehin am wenigsten gehört werden.

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